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Der Präsident der Republik bei der Neueröffnung der Botschaft der Republik Estland in Berlin am 27. September 2001
27.09.2001

Exzellenzen, Meine Damen und Herren,


Für mich ist heute ein großer Kreis geschlossen. Das heißt, daß ich die Botschaft als einen Teil von meiner Kindheit, aber auch einen Teil unserer Republik, der Republik Estland, empfinde.

Ich müsste eigentlich über Politik sprechen. Ich müßte Ihnen, wenn es eine Notwendigkeit noch gibt, ganz klar darlegen, daß Estland sich als ein Mitglied der EU und der NATO empfindet und ungeduldig auf die Zeit harrt, ein Mitglied zu werden. Und Sie wissen auch, daß das nicht nur eine Entscheidung der Regierung ist oder war, sondern dass dies ein Imperativ des ganzen Volkes war, denn sonst kann man sich ja nicht vorstellen, warum Estland eigentlich so schnell alle die Kriterien erfüllt hat oder bei deren Erfüllung ist. Aber ich möchte Sie eigentlich nicht mit diesen Details aus der politischen Rhetorik belästigen. Ich möchte eigentlich an dieses schöne Haus denken. Von hier aus begann mein Schulweg, das war freilich nicht der erste, ich war Schüler auch an Lycée Janson de Sailly's in Frankreich, wo die Jesuiten mir eine Art von Disziplin lehrten, die mir nachher eigentlich sehr viel bedeutete. Aber von hier aus begann mein Schulweg in die Derffinger Straße und ich kann mich ganz genau erinnern, wie stolz ich auf meinen großen Ranzen war. Das war aus echter Leder und mein Vater mit seiner kalligrafischen Handschrift hatte nicht nur meinen Namen, sondern auch meine Adresse hineingeschrieben: Hildebrandstraße 5, Berlin, Westen 35. Danach, etwa in drei oder vier Jahren war es eigentlich unser Glück, denn diesen Ranzen konnten wir während der Deportation in Sibirien gegen Kartoffeln austauschen. Und wie Sie sehen, wir überlebten die Deportation, den Hunger, die zerrissene Familie, die harte Arbeit im Wald und auf dem Feld. Wir kamen zurück nach Estland, in ein Land, das zwei verschiedene Kriege überdauert hatte. In diesem Sinne könnten wir ein Vorbild für Europa sein. Wir überlebten die zweite große Deportation, die dritte, vierte, fünfte... Wir wußten ja nicht, ob wir unsere Muttersprache behalten werden. Und da hatte ich abermals das Glück, ich begann zu schreiben - auf Estnisch, Bücher. Und dann mußte ich dasselbe Problem, das jetzt vor Europa steht, vor der ganzen Welt, für mich selber lösen: ob und wieviel von den kleinen Völkern, die uns sprachlich so nahe stehen - also "uns" - das meine ich die finnisch-ugrischen Sprachen - in wie fern die kleinen Sprachen, zerstreut über ganz Sibirien, noch lebensfähig sind. So hatte ich das Glück, abermals Sibirien zu besuchen. Und nicht einmal und nicht zweimal, sondern ich glaube dreißig mal. Das letzte mal bin ich aus Sibirien in 1986 zurückgekommen und habe meinen Film in 1987 beendet. Und mit dem Wissen, daß man sich immer für seine Sprache, seine Kultur, für sein Volk, für seinen Staat einsetzen muß, bin ich von diesem Film direkt in die Politik eingestiegen, wenn man möchte die Bücher und die Filme außerhalb der Politik ansehen. Ich glaube, das wäre falsch, ich glaube, wir sind gerade dabei, in der heutigen Krise vielleicht viel gründlicher zu verstehen, wieviel auch ein einziges Leben kostet, wieviel eine einzige Sprache, ein einziges Volk wert ist. Und wir sind bereit diese Werte zu schützen. Ich muß Ihnen gestehen, ich war tief betroffen vor einigen Minuten, als mir klar wurde, daß in der Schweiz vierzehn Mitglieder eines örtlichen Parlaments heute getötet wurden.

Es wird niemals eine Welt, die dem Paradies gleich steht, entstehen. Die Probleme werden komplizierter, aber hoffentlich wird das menschliche Denken immer fertig sein, auch mit diesen Problemen, die wir vor drei Wochen oder auch drei Jahren oder auch vor drei Jahrhunderten sich nicht vorstellen konnten, vielleicht wird das menschliche Denken sich doch mobilisieren und mit einer geballten Faust für die Freiheit, für die Demokratie und vor allem für die Kleinstaaten dastehen. Denn was wäre Europa ohne Kleinstaaten? Auch die Bundesrepublik war vor 500 Jahren ein schöner Blumenstrauß aus vielen kleinen Staaten. So sehe ich die Zukunft Europas. Und deswegen bin ich auch hier glücklich, daß ich meinen Kreislauf so schön in Ihrer Mitte beenden kann. Herzlichen Dank, meine Damen und Herren.


Dr. h.c. Lennart Meri Präsident der Republik Estland Anläßlich des 31. ISC Symposiums an der Universität St. Gallen 19. Mai 2001
19.05.2001
Präsident der Republik Estland, Herr Lennart Meri, bei der Eröffnung der Ausstellung ''KGB & Stasi - Werkzeuge totalitärer Macht'' in der Estnischen Nationalbibliothek am 3. Aprill 2001
05.04.2001
Laudatio von Dr. h.c. Lennart Meri, Staatspräsident Estlands, an Herrn Dr. Roman Herzog, Bundespräsident a.D., am 19. März 2001 in der Hermann-Ehlers-Akademie Kiel
19.03.2001
Der Präsident der Republik Estland Lennart Meri Ansprache an das Schweizerisch-Estnische Wirtschaftsseminar Zürich, den 25.01.2001
25.01.2001
Der Präsident der Republik Estland Dr. h.c. Lennart Meri Ansprache an die 26. Europaministerkonferenz der Deutschen Bundesländer Hansestadt Wismar, den 9. November 2000
09.11.2000

 

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