Biographie des Präsidenten der Republik Estland LENNART MERI
 

Lennart Meri wurde am 29. März 1929 in Tallinn als Sohn des estnischen Diplomaten und späteren Shakespeare-Übersetzers Georg Meri geboren. Zusammen mit seiner Familie mußte er Estland früh verlassen und neunmal die Schule und viermal die Sprache wechseln. Die angenehmsten Erinnerungen verbindet er mit der Schule Lycée Janson de Sailly in Paris.

Während der Annexion Estlands durch die Sowjetunion war die Familie in Tallinn. 1941 wurde sie zusammen mit Zehntausenden Esten, Letten und Litauern nach Sibirien deportiert. Die Familienoberhäupter wurden von ihren Nächsten getrennt und in Konzentrationslagern eingeschlossen, wo nur wenige überlebten. Mit zwölf Jahren begann Lennart Meri seine Karriere als Waldarbeiter. Später arbeitete er auch als Kartoffelschäler und Flößer.

Die Familie Meri blieb am Leben und kehrte nach Estland zurück, so daß Lennart Meri 1953 sein Geschichtsstudium an der Universität Tartu cum laude abschließen konnte. In der Sowjetzeit war ihm nicht gestattet, als Historiker zu arbeiten und so war Lennart Meri zuerst im ältesten Theater Estlands, Vanemuine als Dramaturg und später im Estnischen Rundfunk als Hörspielproduzent tätig.

Im Jahre 1958 unternahm er eine Reise ins Tjan-Schan-Gebirge in Zentralasien und in alte Zentren des Islam in der Wüste von Karakum. Als Ergebnis dieser Reise entstand Lennart Meris erstes Buch, das die Leser mit Wohlwollen aufnahmen. Schon während seiner Studienzeit war Meri gezwungen, sich mit Schreiben den Lebensunterhalt zu verdienen, denn die Sowjets verhafteten seinen Vater zum dritten Mal. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder, der sein Studium unterbrach und als Taxifahrer Arbeit fand, gelang es Meri damals, für seine Mutter zu sorgen und das Studium abzuschließen. Doch erst durch das erste Buch fand Lennart Meri seine Berufung. Im Laufe eines Vierteljahrhunderts fuhr er allein oder organisierte Expeditionen in die am schwersten zu erreichenden Gebiete der ehemaligen Sowjetunion, angezogen von der Kultur der kleinen Völker, von der Geschichte der Entdeckung und Kolonisation Sibiriens und von dem sich immer vertiefenden wirtschaftlichen und ökologischen Konflikt zwischen den lokalen Bedürfnissen und der Planwirtschaft Moskaus. Seine Reisen formte er in Bücher und Filme, die durch den Eisernen Vorhang dringen konnten und in ein Dutzend Sprachen übersetzt worden sind. Der in Zusammenarbeit mit Finnland und Ungarn entstandene Film „Linnutee tuuled“ (Die Winde der Milchstraße) war in der Sowjetunion verboten, wurde auf dem New Yorker Filmfestival jedoch mit einer Silbermedaille ausgezeichnet. In finnischen Schulen sind seine Filme und Texte auch als Unterrichtsmaterial benutzt worden. 1986 wurde Lennart Meri die Ehrendoktorwürde der Universität Helsinki verliehen. Schon früher, im Jahre 1963, wurde er Mitglied des Estnischen Schriftstellerverbandes. In den 80er Jahren wählte der Finnische Schriftstellerverband ihn zu seinem Ehrenmitglied.

Zwischen seinen Reisen übersetzte Lennart Meri Werke von Remarque, Graham Green, Vercors, Boulle und Solschenitzyn ins Estnische. Lennart Meris literarisches und filmisches Schaffen sowie seine übersetzerische Tätigkeit trug wesentlich dazu bei, daß die Esten ihre Identität auch in der Zeit der totalitären Russifizierung bewahrten. Sein bekanntestes Buch ist „Hõbevalge“ (Silberweiß), das eine weitreichende Rekonstruktion der Geschichte Estlands und der Ostsee darstellt und die Esten als einen aktiven Faktor in Nordeuropa zeigt.

Lennart Meri wartete mehr als zwanzig Jahre auf eine Erlaubnis der Sowjetbehörden, auf die andere Seite des eisernen Vorhangs zu gelangen, und die Möglichkeiten, die sich ihm dann in Finnland boten, nutzte er, um die freie Welt an die Existenz Estlands zu erinnern. Er knüpfte freundschaftliche Beziehungen zu Politikern, Journalisten und Esten, die vor der Okkupation geflohen waren. Er war der erste Este, der auch außerhalb Estlands seinen Protest gegen den Plan der Sowjets verkündete, in Estland Phosphorit abzubauen, denn dadurch wäre ein Drittel Estlands unbewohnbar geworden.

Die Umweltschutzbewegung wurde zum Vorgänger der sog. singenden Revolution, in der die Intelligenz Estlands eine führende Rolle übernahm. Lennart Meris Rede „Haben die Esten eine Hoffnung“, die die Existenz des estnischen Volkes in ihren Mittelpunkt stellte, fand auch außerhalb Estlands viel Interesse. Meris Wechsel in die Politik verlief reibungslos und nahm spätere politische Ereignisse vorweg. Im Jahre 1988 gründete Lennart Meri das Estnische Institut – eine Nichtregierungsorganisation, die mit Westeuropa kulturelle Beziehungen pflegte und begabten estnischen Jugendlichen Kontakte im Ausland vermittelte. Die Kulturvertretungen in Kopenhagen, Stockholm, London, Bonn, Paris und Helsinki, die unter dem Dach des Estnischen Instituts gegründet worden waren, erfüllten in Wirklichkeit die Funktion einer Botschaft, und im August 1991, als der demokratische Westen diplomatische Beziehungen zu Republik Estland wieder aufnahm, setzten diese Kulturvertretungen ihre Tätigkeit als offizielle Botschaften fort.

Weder für Estland noch für den Westen war durch die Sowjet- und Naziokkupation die Kontinuität der Republik Estlands gebrochen und ihre internationalen Rechte und Verpflichtungen für ungültig erklärt worden. Daher gehört Estland auch nicht zu den sog. jungen Demokratien, denn schon 1921 war die Republik Estland aktives Mitglied des Völkerbundes. Am 12. April 1990, nach den ersten nichtkommunistischen Wahlen, wurde Lennart Meri vom Leiter der nationalen Bewegung Rahvarinne, Edgar Savisaar, zum Außenminister der Republik Estland ernannt und die Akten über die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen unterschrieb er schon als Außenminister. Schon 1989 veröffentlichte er mit anderen Autoren zusammen den Sammelband „Das Jahr 1940 in Estland. Dokumente und Materialien“, der den sowjetischen Parlamentsmitgliedern erfolglos zu erklären versuchte, daß der Okkupation und Sowjetisierung Estlands der verbrecherische Pakt zwischen Hitler und Stalin zugrunde liegt, die Europa zwischen zwei totalitären Regimes aufteilen wollten.

Als Außenminister hatte Lennart Meri die Aufgabe, das Außenministerium aufzubauen, junge lernfähige Mitarbeiter zu finden, stabile Informationskanäle zu anderen Staaten herzustellen und gleichzeitig Estland auf wichtigen internationalen Konferenzen zu vertreten. Er nahm an den OSZE-Konferenzen in Kopenhagen, New-York, Paris, Berlin, Moskau und Helsinki sowie an der Gründung des Ostseerates in Kopenhagen teil, traf sich mehrmals mit den Staatsoberhäuptern und Außenministern aus den USA und Europa und trat als erster Gast aus Osteuropa im NATO-Hauptquartier in Brüssel auf.

Nach einer kurzen Amtszeit als estnischer Botschafter in Finnland (23.04.1992 – 10.10.1992) wurde Lennart Meri zum 2. Präsidenten der Republik Estland gewählt. Am 6. Oktober 1992 legte er vor dem Parlament seinen Amtseid ab. Am 20. September 1996 wurde Meri für die zweite Amtsperiode zum Präsidenten gewählt.

Während seiner Tätigkeit als Schriftsteller und Politiker ist Lennart Meri zum Ehrenmitglied der finnischen Kalevala-Gesellschaft und zum korrespondierenden Mitglied der Literaturgesellschaft Finnlands gewählt worden, er ist Vorstandsmitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste und der Leitung des Internationalen Rates des Fonds zum Gedenken an die Opfer des Kommunismus sowie Mitglied des Interparlamentarischen Rates gegen Antisemitismus. Lennart Meri ist außerdem Mitglied des Estnischen Schriftstellerverbandes, des Estnischen Verbandes der Filmschaffenden und des Estnischen PEN-Clubs, Schirmherr von „Jahr der schönen Heime“, „Jahr der Sprachreinigung“ und der Stiftung der Universität Tartu, er bekam den Europapreis Coudenhove-Kalergis, den Preis der Liberalen Internationale sowie Auszeichnungen vieler Staaten. Im Dezember 1998 wurde er zum Europäer des Jahres gewählt.

Lennart Meri ist zum zweiten Mal verheiratet. Seine Frau Helle Meri (1949) war bis 1992 im Tallinner Dramatheater als Schauspieler tätig. Die erste Gattin, Regina Meri, emigrierte 1987 nach Kanada. Lennart Meri hat drei Kinder und vier Enkelkinder: zwei Söhne Mart (1959) und Kristjan (1966) und eine Tochter Tuule (1985).

 

zurück | start

Curriculum Vitae Elulugu Biographie - Lennart Meri Biographie im Zahlen Schirmherr und Initiator